55.000 Jahre alte Werkzeuge

Hinweis auf unbekannte Steinzeitmenschen in China entdeckt

 Robert Klatt

55.000 Jahre alte Werkzeuge aus dem heutigen China )kciwraM neB(Foto: © 

In China wurden 55.000 Jahre alte Steinwerkzeuge entdeckt, die zuvor nur in Europa bekannt waren. Dies widerspricht der bisherigen Annahme, dass in der Mittelsteinzeit in Ostasien keine Innovationen erfolgt sind und liefert Hinweise auf zuvor unbekannte Frühmenschen.

Peking (China). In der Mittelsteinzeit, vor etwa 300.000 bis 40.000 Jahren, haben Frühmenschen in Europa und Afrika tiefgreifende Veränderungen durchlebt und neue Werkzeugtechniken entwickelt. In Ostasien kam es laut dem bisherigen Kenntnisstand der Archäologie in dieser Epoche hingegen nicht zu größeren kulturellen oder technischen Entwicklungen.

Forscher der Chinese Academy of Sciences (CAS) und der University of Washington (UW) haben nun eine Studie publiziert, die diese Sichtweise widerlegt. Laut der Veröffentlichung im Fachmagazin PNAS haben die Archäologen in einer etwa 50.000 bis 60.000 Jahre alten Fundschicht im Südwesten von China Relikte der Quina-Technologie entdeckt. Es handelt sich dabei um ein spezielles Verfahren zur Werkzeugproduktion, das zuvor nur in Europa gefunden wurde.

„Das ist ein großer Umbruch in unserer Sichtweise auf diese Weltregion in jener Zeit. Es wirft die Frage auf, was Menschen in dieser Periode sonst noch taten, das wir bisher nicht entdeckt haben. Wie verändert das unser Bild vom Menschen und seiner Entwicklung in dieser Gegend.“

55.000 Jahre alte Werkzeuge

Die in China entdeckten Quina-Werkzeuge wurden auf ein Alter von 55.000 Jahren datiert. Sie sind also gleichalt wie die entsprechenden Funde in Europa. Wie die Wissenschaftler erklären, stellt der Fund somit die Vorstellung infrage, dass im Mittelpaläolithikum in Ostasien keine nennenswerte Entwicklung erfolgt ist.

Der in Longtan entdeckte Schaber ist typisch für die Quina-Technologie. Es handelt sich dabei um ein robustes, asymmetrisches Steinwerkzeug mit einer breiten, scharfen Arbeitskante. Laut den entdeckten Gebrauchsspuren, darunter mikroskopisch kleine Kratzer und Splitter, haben die Frühmenschen in China das Werkzeug zum Bearbeiten von Knochen, Geweih und Holz verwendet, also ähnlich wie die Frühmenschen in Europa.

Wie kam die Technik nach China?

Laut den Forschern eröffnet der Fund die Frage, wie die Quina-Technologie nach Ostasien gelangt ist. Sie ist dort entweder unabhängig von der Entwicklung in Europa entstanden oder wurde durch eine stetige Migration nach China gebraucht.

Beantwortet werden könnte die Frage, wenn man die Quina-Technologie in einem noch tieferen, gut erhaltenen Fundort in China erneut entdeckten würde. Solche Fundorte ermöglichen es, die frühere technologische Entwicklung nachzuvollziehen und somit potenzielle Entwicklungsschritte hin zur Quina-Technologie zu erkennen. Sollten diese Entwicklungsschritte fehlen, stammt das Werkzeug mit hoher Wahrscheinlichkeit aus Europa.

„Wir können untersuchen, ob es bereits zuvor ähnliche Werkzeuge gab, aus denen sich die Quina-Technologie schrittweise entwickelte. Dann könnten wir von einer lokalen Entwicklung sprechen – Generationen experimentierten mit Formen, bis sie zur Quina-Variante gelangten. Wenn Quina aber plötzlich und ohne Vorläufer auftaucht, spricht das eher für eine externe Übernahme.“

Unbekannte Frühmenschen aus Ostasien?

Wie die Forscher erklären, lässt sich die späte Entdeckung des Werkzeugs in Ostasien auf unterschiedliche Faktoren zurückführen. Das Fachwissen in Bezug auf internationale Vergleichsfunde ist in dieser Region erst später entstanden und Wissenschaftler können archäologische Objekte nun besser einordnen. Zudem hat die archäologische Forschung in Ostasien in den letzten Jahren deutlich zugenommen, was die Wahrscheinlichkeit für entsprechende Funde stark erhöht.

„Die Vorstellung, dass sich in Ostasien über so lange Zeit nichts verändert hat, ist tief verankert. Viele Forschende haben bisher gar nicht erst nach Belegen gesucht, die diesem Narrativ widersprechen. Jetzt scheint sich das zu ändern.“

Angesichts der Funde möchten die Forscher bald in der Region weitere Ausgrabungen durchführen, um zu untersuchen, ob es dort bisher unbekannte Frühmenschen gab.

„Das könnte die Frage klären, ob diese Werkzeuge von einem modernen Menschen wie Ihnen und mir stammen. Bisher wurden in Ostasien keine Neandertaler gefunden. Aber könnten wir vielleicht einen finden? Oder realistischer: einen Denisova-Menschen – also einen weiteren menschlichen Vorfahren? Wenn wir Knochen finden, die mit dieser Zeit verknüpft sind, könnten wir auf etwas wirklich Überraschendes stoßen – vielleicht sogar auf einen bislang unbekannten Homininen.“

PNAS, doi: 10.1073/pnas.2418029122

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